Yoga im Alltag

Yoga ist eine Frage der Haltung

Geh mit einem guten Gefühl in die Welt hinaus und erwarte nicht, dass die Welt dir dieses gute Gefühl gibt.

Vergangenes Wochenende habe ich ein Seminar von Eberhard Bärr besucht. Eberhard lebte 15 Jahre in Indien und wurde dort zum Yogalehrer ausgebildet. Er verbrachte 10 Jahre mit seinem Lehrer Sukumar in Südindien und hielt dort und in Europa mit ihm zusammen Seminare. Während der langen gemeinsamen Zeit mit Sukumar und durch die Unterweisung anderer indischer Lehrer vertiefte er sein Wissen in die indische Vedanta-Lehre.

Was er lehrt, ist eigentlich ganz einfach und klar. In aller Konsequenz durchdacht und gelebt, wirft es allerdings unser Weltbild, unsere Kultur, Tradition, Religion, einfach alles, komplett über den Haufen. Der Grad meiner Verwirrtheit über das, was Eberhard uns an diesen zwei Seminartagen vermittelt hat, pendelt sich gerade so ein zwischen völlig durcheinander bis einigermaßen wieder klar. Oh, da fällt mir ein, Eberhard sagte übrigens selbst, dass das, was er mit uns „mache“ eine Art Gehirnwäsche sei, aber, und dieses „aber“ macht es aus, er fordere uns auf, alles, was er sagt in Frage zu stellen und für uns selbst zu entdecken, oder eben auch nicht. Ich würde es gern für mich entdecken, bin mir aber nicht sicher, ob ich den Mut dazu habe.

Etwas vorab: die Imperative, die ich hier an der einen oder anderen Stelle verwende, sind Handlungsempfehlungen, die ich so weiter gebe, übernommen von Eberhard Bärr, der sie selbst übernommen hat von seinem Lehrer Sukumar, der sie selbst übernommen hat von der indischen Vedanta-Lehre. Namasté.

Die Grundannahme ist Folgende: Die Welt ist neutral. Alles, was ich sehe, denke, fühle, sehe ich durch meinen ganz persönlichen Filter, meine egozentrische Perspektive. Alles geschieht „um mich herum“, das ist meine Wirklichkeit. Alle Handlungen, ausgenommen die pragmatische, absichtsvolle Handlung, wie z.B. ein Reifenwechsel, entstehen aus einer Art Hilflosigkeit und Unwissenheit (Avidya) heraus, um mich und mein Ego zufriedenzustellen. Soweit, so gut (oder auch nicht).

Diese vermeintliche Zufriedenheit, jegliche Zufriedenheit, die an weltlichen Dingen (nach außen) orientiert ist, überdauert nur eine gewisse Zeit. Weil: alles kommt, hat eine Zeit lang Bestand und geht. Heißt, wir hecheln Dingen hinterher, materiellen Dingen (das neue Auto), Titeln (endlich der Doktortitel), Positionen (endlich Chef) usw., weil wir denken, dass sie uns das vermeintliche Glück bringen: „Wenn ich erstmal reich und erfolgreich bin, dann ist alles perfekt“. Ist es aber nicht. Und wenn, dann nur für eine gewisse Zeit, dann werden wir wieder unzufrieden mit dem, was ist und eifern etwas Neuem hinterher, dass uns wieder nur für kurze Zeit, wenn überhaupt, befriedigt.

Das einzige, was immer da ist, das Verlässliche, Kontinuierliche bist du selbst. Du selbst bist der Gastgeber deiner eigenen Party, alle anderen kommen und gehen, du bleibst.

Du solltest dich also mehr mit dir beschäftigen, als mit allem anderen um dich herum, mit deinem selbst. Dieses Selbst findest du nicht außen in der Welt, sondern nur bei dir. Indem du dich mit wachem Verstand beobachtest, dich selbst entlarvst, deine Handlungen als das erkennst, was sie sind: egozentrisch, weil aus einer egozentrischen Perspektive heraus. Selbst der größte Wohltäter tut Dinge nur aus einem einzigem Grund: weil es ihm (seinem Ego) ein gutes Gefühl gibt. Alles, was wir tun, tun wir des guten Gefühls wegen. Wir sind ständig auf der Suche, uns von einem leidvollen (das Wort klingt sehr dramatisch, man könnte auch einfach „unzufrieden“ sagen) zu einem leidlosen Zustand. Sei es der Waldspaziergang, der uns ruhig werden lässt, das gute Essen, das uns Genuss verschafft, der Film, das Buch, das uns abtauchen, uns selbst vergessen lässt. Doch dieser leidlose Zustand, dem wir immer und überall hinterher laufen, hält nie lange an. Irgendwann sind wir satt von frischer Waldesluft, irgendwann ist das Hungergefühl gestillt, irgendwann ist der Film zu Ende. Irgendwann ist gut. Ja und dann? Begeben wir uns frohen Mutes auf die Suche nach dem nächsten Glücksgefühl.

Warum sind Momente der absoluten Selbstvergessenheit (in der Natur vielleicht) die Momente, die uns oft am meisten berühren, die haften bleiben, nach denen wir uns zurück sehnen? Weil wir dann, in diesem Zustand der Selbstvergessenheit nämlich genau das Tun, wozu uns die Vedanta-Lehre auffordert: Uns selbst vergessen, loslassen, sich verlieren, in einem Moment der Spontanität, Präsenz und Natürlichkeit, in völliger Absichtslosigkeit, sich dem hingeben was ist, in sich ruhen, wieder Kind sein.

Was nicht bedeuten soll, sich in eine Hütte im Wald zu setzen, den lieben langen Tag nichts tun, außer meditieren. Es heißt nur, sich dessen bewusst zu sein, was man tut, sein Handeln wahrzunehmen, sich und die Welt mit wachem Verstand zu beobachten und die Dinge, die passieren nicht persönlich zu nehmen, sich nicht zu stark zu involvieren oder gar identifizieren mit der Rolle (Asmita), die man spielt im Leben, denn es ist nur eine Rolle, beziehungsweise sind es ganz viele Rollen. In meinem Fall die der Mutter, Ehefrau, Elternteil, Autorin, Bloggerin, Freundin, Nachbarin usw. Und ich merke dass, wenn ich alles gelassener angehe, gleichmütiger, mir alles sehr viel leichter fällt.

Das ist harter Tobak, ich weiß. Ich hoffe, Euch nicht allzu sehr verwirrt zu haben. Ich bin es ebenfalls. Ein guter Anfang vielleicht.

Eure Lina