Alltägliches aus Mexiko, Yoga im Alltag

Yoga en Mexiko

Als ich mich in Deutschland von Familie und Freunden verabschiedet habe, war ich alles in allem optimistisch gestimmt, was daran liegt, dass ich vor Neuem keine Angst habe. Ganz im Gegenteil: das Abenteuer spornt mich an, fordert mich heraus und setzt neue Energie frei.

Bei meiner letzten Yogastunde in Deutschland jedoch war ich meilenweit entfernt von besagter Tapferkeit: schon während der Yogastunde musste ich häufig schlucken, beim Shavasana liefen die Tränen meine Wangen herab und als mein geliebter Yogalehrer Ralph Otto mich so herzlich in den Arm nahm, mir alles Gute wünschte, alles Schöne und noch viel mehr (ich konnte nicht wirklich zuhören, da ich gegen die Tränen ankämpfte), konnte ich nicht mehr an mich halten: plärrend wie ein Kleinkind stand ich vor ihm. Die anderen Yogis sahen mich ratlos an, boten ihre Hilfe an, doch mir war nicht mehr zu helfen. Ich war im Tal der Tränen und fand nicht mehr hinaus. Schluchzend bin ich aus dem Studio geflüchtet. Natürlich war mir das peinlich. Ralph wusste auch nicht, wie ihm geschah und rief mir noch hinterher, dass ich mich melden solle, wenn was wäre und auch so und überhaupt. Das Yoga mit Ralph hat mir sehr viel bedeutet und ich hätte nicht vermutet, hier etwas annähernd Vergleichbares zu finden.

Doch ich hatte Glück, wie so oft im Leben (meine Mutter sagt immer, ich sei ein Sonntagskind). Womit einmal mehr bestätigt wird, was Yoga meint: dass es keinen Sinn macht, über Zukünftiges nachzugrübeln, da es ohnehin meist anders kommt als gedacht. Jeden Dienstag und Donnerstag vormittag praktiziere ich gemeinsam mit einer Hand voll Mexikanerinnen Yoga. Und zwar nicht in einem schnöden Studio, sondern im parkähnlichen Garten der Yogalehrerin Lucy. Wir beginnen mit Pranayama (Atemübungen) und üben danach Hatha Yoga mit teils dynamischen Elementen, die mir aus dem Vinyasa Yoga bekannt sind. Der Focus liegt immer auf der Atmung. Deshalb wusste ich vom ersten Moment an, dass ich richtig bin.

Was anders ist, als in deutschen Yogaklassen? Erstmal wird das mit der Pünktlichkeit nicht so genau genommen und wenn eine Teilnehmerin erst nach oder während des Pranayama oder mitten in der Yogaklasse hereinschneit, ist das halt so. Mein Eindruck ist, dass eine Mexikanerin sich niemals abhetzen würde, um pünktlich zu sein. Lieber wird noch einmal der Lippenstift nachgezogen und ein Schwätzchen mit dem Nachbarn gehalten.

Anders ist außerdem, dass jede Yogastunde mit Musik untermalt wird und immer und viel geredet wird. Vor, während und nach der Stunde. Die Mexikaner sind umwerfend freundliche und hilfsbereite Menschen, die sich gern austauschen. Essen ist ein beliebtes Thema unter Frauen, die Zubereitung von Speisen und das gemeinsame Genießen. Ein weites Feld, das hier in meinem Blog sicher nicht zu kurz kommen wird. Die Offenheit der Mexikaner macht es mir und uns als Familie leicht, uns einzufinden. Ich bin heilfroh, dass ich ganz gut Spanisch spreche, mit Englisch kommt man hier nicht weit. Zumindest nicht in meinem Alltag, der geprägt ist von Kommunikation mit Handwerkern, Lieferanten, Lehrern und den Müttern anderer Kinder.

Am Ende meiner ersten Yogastunde fragte eine Mexikanerin, die ebenfalls neu zu der Gruppe dazu gestoßen war, ob es möglich sei, zu Beginn und am Ende der Stunde das Om zu chanten. In Deutschland eine Selbstverständlichkeit. Hier anscheinend nicht. Offenbar hatte Lucy, die Yogalehrerin, die unschöne Erfahrung gemacht, dass gerade das gemeinsame Chanten ein Problem sein könnte und von einer ehemaligen Teilnehmerin beziehungsweise deren Ehemann mit Sektentum und Teufelsanbetung gleichgesetzt wurde. Harter Tobak und für eine deutsche Yogini wie mich äußerst irritierend und ein Zeichen dafür, dass Yoga hier in Mexiko noch nicht wirklich angekommen zu sein scheint. Es entbrannte eine Diskussion, die eigentlich keine war, da vorgeblich alle der Meinung waren, dass Yoga und Religion (hier sind viele sehr katholisch) sich nicht ausschließen und beim Yoga jeder alles kann, aber nichts muss.

Ein häufiges Phänomen in Mexiko ist es, dass die Leute ja sagen, auch wenn sie eigentlich nein meinen. Der gute Ton oder die Freundlichkeit verbieten es, jemanden vor den Kopf zu stoßen. So erzählte mir eine Freundin, die auch in Mexiko lebt, dass sie anfangs Stunden damit verbracht hat, im Supermarkt vergeblich nach Produkten zu suchen. Die mexikanischen Angestellten hatten es nicht übers Herz gebracht, ihr zu sagen, dass es die von ihr so dringend benötigten Lebensmittel nicht gibt und sie lieber in irgendeine Ecke geschickt, wo sie stundenlang erfolglos umhergeirrt ist. Seitdem ich das weiß, lasse ich mich immer direkt zu den Sachen hinführen. Lebensmittel sind hier, im dicksten Land der Welt, ohnehin ein Thema für sich. Bald mehr dazu…