Bücher lesen, Yoga im Alltag

Mut zum Minimalismus

Als wir unsere Sachen für Mexiko gepackt haben, sind mir zwei Dinge klar geworden: Erstens, wir haben zu viel Zeug und zweitens, ab jetzt verweigere ich mich dem Konsum. Wenn man ein Haus ausmistet, einen Kleiderschrank oder sogar einen Keller (Masterpiece), hat man ein aha-Erlebnis. Deshalb kann ich das jedem empfehlen. Es sei denn, du bist ein Wegschmeißer und Ausmister. Solche Leute gibt es, bei denen ist immer aufgeräumt. Aber selbst die haben mindestens einen Raum oder eine Rumpelkammer, in der die Leichen lagern. Mit Leichen meine ich Dinge, die man nicht braucht, von denen man sich aber nicht trennen kann. Nimmt das überhand und der Kram erobert das Haus, die Wohnung, gewinnt quasi die Vorherrschaft, da die Bewohner dem Ganzen nicht mehr Herr werden, spricht man von Messis. Ich habe zwei Messis in meinem engen Freundeskreis. Das sind aber keine Sammel-Fanatiker, die Altpapier horten (wie man es schon mal im Privatfernsehen vorgeführt bekommt), sondern Künstlernaturen, die mit allen Dingen Erinnerungen verknüpfen, Emotionen, Andenken und sich deshalb nicht davon trennen können. Vielleicht haben sie Angst, sie würden ihrer Vergangenheit beraubt.
Ich bin kein Messi und auch kein Wegschmeißer, bewege mich im Mittelmaß und empfinde es als unheimlich befreiend, mich von Dingen zu trennen, die ich nicht brauche und die folglich nichts weiter sind als Ballast. Für den Umzug nach Mexiko musste ich nun festlegen, was wir tatsächlich brauchen und mit nach Mexiko nehmen, was wir wegwerfen und welche Dinge wir einlagern. Hier stellt sich die berechtigte Frage, welche Dinge du ein paar Jahre lang nicht benötigst, danach aber doch wieder. Es gibt eine berechtigte Antwort: Winterklamotten. Um diese zu sichten und auszusortieren habe ich den kompletten Inhalt meines Kleiderschrankes auf dem Schlafzimmerboden ausgebreitet, um dann vor Schreck beinahe umzukippen. Es ist unfassbar, wieviel Zeugs man hat. Und ich würde nicht behaupten, dass ich, im Vergleich zur mitteleuropäischen Durchschnittsfrau, überdurchschnittlich viele Klamotten habe. Es sammelt sich einfach. Und da ich keine Billigware kaufe, die nach zwei mal Tragen im Müll landet, außerdem kein Mode-Junkie bin, sondern eher schlichte Kleidung kaufe, die auch eine Saison später noch getragen werden darf, häufen sich die Sachen eben an. Weshalb ich beschlossen habe, die nächsten drei Jahre keine Anziehsachen mehr zu kaufen.
Da ich mit Schuhgröße zweiundvierzig (vor der Geburt meiner Kinder hatte ich eine Nummer kleiner) ohnehin keine Chance habe, in Mexiko Schuhe zu finden, es hier immer warm ist und man sich folglich nicht mit mehreren Schichten Stoff zu umhüllen braucht, trifft sich das ganz gut. Bisher habe ich durchgehalten, fast ein halbes Jahr und ich kann es Jedem nur empfehlen. Man wird kreativ, kombiniert neue Teile, fischt vergessene Schmuckstücke aus dem Schrank. Und, hey, sollte ich tatsächlich schwach werden und mir ein Teil gönnen, geht die Welt auch nicht unter. Vielmehr geht es darum, sich dessen bewusst zu werden, was man hat, wieviel man davon hat, was man eigentlich zum Leben braucht und nicht zuletzt, was die Leute haben, die nicht so privilegiert sind wie wir. Hier in Mexiko wird einem das jeden Tag vor Augen geführt.
Beim Aussortieren geholfen hat mir die Lektüre des Buches: „Magic Cleaning von Marie Kondo“, in Japan ein Bestseller. Aufräumen funktioniert, laut Maria Kondo, nach dem Glücksprinzip. Und was mich spontan nicht glücklich macht und in mir ein gutes Gefühl weckt, kommt in den Altkleidersack. „Es bedeutet, sich bei den Dingen zu bedanken, die ihre Aufgabe erfüllt haben, bevor man sich von ihnen verabschiedet. In diesem Prozess kommen Sie Ihrer eigenen inneren Stimme – und damit sich selbst – ein gutes Stück näher.“
Viel Spaß beim Aufräumen,
Eure Lina