Alltägliches aus Mexiko, Yoga im Alltag

Im Moment sein

Vor zwei Tagen habe ich, zusammen mit meiner mexikanischen Freundin Andrea, hier im Compound* (Kleiner Exkurs zum Thema Compound am Ende des Artikels) eine japanische Yogaklasse besucht.

Da unsere Yogalehrerin Lucy momentan Urlaub macht, haben Andrea und ich uns also zu den Japanern gesellt, die jeden Dienstagvormittag im Kristallhaus hier in der Wohnanlage gemeinsam atmen. Damit, dass die Klasse in Japanisch gehalten würde, hatten wir nicht gerechnet, dennoch haben wir uns darauf eingelassen. Als ich am Ende der Stunde Andreas entspanntes Gesicht sah und sie mich mit leuchtenden Augen anlächelte wusste ich, dass sie sich ebenso gut fühlte wie ich. Wir beide waren tiefenentspannt und dieser Gleichmut hielt den ganzen Tag an. Ich fragte mich, woran das gelegen haben mochte. Im Grunde war es eine „normale“ Hatha-Yogastunde gewesen, wir haben kein Wort verstanden, nur das nachgemacht, was die anderen vorgemacht haben.

Nach einem kurzen Austausch mit Andrea kamen wir zu dem Entschluss, dass es an der Achtsamkeit gelegen haben muss. Diese ruhige, respektvolle und bedächtige Art und Weise, mit der die Yogalehrerin (den japanischen Namen konnten wir uns leider noch nicht merken) durch den Kurs geführt hat. Unterstützt durch Gesten, um uns, den nicht Japanisch sprechenden, das zu verdeutlichen, was sie genau meint. Ganz bei sich, bei uns und bei dem, was sie tut.

Oft sind es diese Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen. Worte, Gesten, Gedanken. Erst beim genauen Hinsehen, Zuhören fallen die Dinge auf, die wichtig sind. Dafür braucht es natürlich Ruhe, einen wachen Blick und Hingabe. Wenn man beim ersten Mal genau hinschaut, fallen einem die Feinheiten nicht erst auf den zweiten Blick auf. Gar nicht so einfach in dieser sich immer schneller drehenden Welt.

Momente der Präsenz, in denen man ganz bei der Sache ist, gegenwärtig, ganz bei sich selbst. Wie Kinder, die alles um sich herum vergessen, um in dem Aufzugehen, was sie gerade tun, ohne ein Ziel vor Augen zu haben, nur um des Tuns Willen. Welche Dinge sind das, die Euch das geben? Gärtnern, Kochen, Backen, Malen, Lesen? Bei mir ist es das Schreiben.

Auch Sachen, die keinen Spaß machen, versuche ich auf diese Weise zu tun, im Jetzt. Ohne Gedanken an Vergangenes oder Zukünftiges. Meditation im Alltag. Egal, ob beim Abwasch (hier fällt es mir besonders schwer) oder beim Zähneputzen. Weil: Die Vergangenheit kannst du nicht ändern und die Zukunft nur bedingt beeinflussen, also lebe im Jetzt und vermeide es, irgendwelche Gedanken an Dinge zu verschwenden, die passé sind (Vergangenheit) oder vage (Zukunft). Kill the monkey in your mind!

Dazu eine kleine Buchempfehlung: Eckhart Tolle, Jetzt!

In diesem Sinne. Namasté, Eure Lina

 

*Wir leben in einem Wohnviertel, Compound genannt, das an zwei Eingängen durch Schranken gesichert ist, an denen Wachpersonal kontrolliert, wer hinein darf. Es ist von einer hohen Mauer mit Stacheldraht umzäunt, die jedoch nicht weiter auffällt, da das Gebiet sehr weitläufig ist. Es herrscht ein bunter Nationalitätenmix. Die Mehrzahl sind Mexikaner und da es in Irapuato einige ausländische Unternehmen gibt, leben hier außerdem Deutsche, Amerikaner und Japaner.

Im Compound können die Kinder sich frei bewegen, wie sie es von Deutschland gewohnt sind. Das Viertel wird durch alte Bäume, kleine Parks und Spielplätze für Kinder jeden Alters bereichert. Es gibt einen Tante Emma Laden, ein Café und sogar ein kleines Schwimmbad. Alles ist schön angelegt und sauber. Kein Wunder, denn Dienstleistungen sind hier unerhört günstig. Jeder hat einen Gärtner, doch nicht jeder hat einen Garten. In Mexiko ist es nicht üblich, sich im Garten aufzuhalten oder auf der Terrasse zu sitzen, weshalb viele Häuser gar keine Grünfläche haben. Unvorstellbar, wie ich finde. Gerade hier, wo das ganze Jahr über die Sonne scheint. Neben Gärtnern gibt es Muchachas, die sich um das Haus kümmern und den Nachwuchs beaufsichtigen. „Autowascher“, die für umgerechnet zwei Euro fünfzig das komplette Auto putzen, innen und außen.