Alltägliches aus Mexiko

Halbzeit in Mexiko

Vor ein paar Tagen habe ich einen Brief bekommen. Ja, tatsächlich, einen Brief! Per Email, als angehängtes Word-Dokument. Eine Freundin aus Deutschland begann mit den Worten:

„Ist es wirklich schon anderthalb Jahre her, dass ihr nach Mexiko gezogen seid? Und ist es wirklich wahr, dass ich dir jetzt erst schreibe?“

Ja, liebe Heidi (Name geändert), ist es. Das macht aber gar nichts. Ganz im Gegenteil, ich habe mich umso mehr darüber gefreut und nehme Deinen Brief zum Anlass, dir mit diesem Blogeintrag ganz offiziell zu antworten. Ich war ganz betrübt darüber, dass wir keinen Kontakt hatten, aber da Du soziale Medien ablehnst und auch kein WhatsApp nutzt, habe ich es als unüberbrückbares Hindernis empfunden, mit Dir in Kontakt zu treten. Man ist so sehr an diese Schnelligkeit der Medien gewöhnt (hier mal schnell ein Foto ge-whatsapped, dort mal schnell ein like gepostet), dass man sich nicht mehr die Zeit nimmt für so etwas Schönes wie einen Brief zu schreiben. In meiner Jugend hatte ich Brieffreundschaften und ich kann mich noch genau an die Momente der Freude und des Bauchkribbelns erinnern, wenn ich einen Brief erhalten habe oder einen von mir verfassten zugeklebt, mit einer Briefmarke versehen und zur Post gebracht habe. Eigentlich schade, dass unsere Kinder das so nicht mehr kennenlernen. Oder schreiben Deine Kinder auch Briefe?

Schön, dass es Euch so gut geht und ihr außerdem noch Zeit findet zu Musizieren. Du schreibst, dass es mit der Yoga-Praxis nur mäßig klappt. Vielleicht wäre es eine Alternative, jeden Tag zu meditieren? Die Regelmäßigkeit ist hierbei das Essentielle. Es sollte zur täglichen Routine gehören, wie das Zähneputzen, für den Anfang genügen drei Minuten am Tag. Woher ich das so genau weiß? Seit zwei Wochen nehme ich Online an der „Stay True Journey“ von Madhavi Guemos teil, einem Programm, das dir hilft, deinen ganz persönlichen Weg zu finden und den Mut zu haben, ihn zu gehen. Disziplin, Fokus und eine tägliche Meditationspraxis sind dabei meine Hauptthemen, bei denen ich gerade aufhole. Und ich merke schon nach dieser kurzen Zeit, wie mich das Programm erdet und mich zu dem zurückholt, was ich eigentlich will, nämlich Schreiben.

Ich weiß nicht, ob es die flimmernde Hitze ist oder die vielen Whats App-Gruppen, die hier in Mexiko zu allen erdenklichen Themen gebildet und auf denen fleißig kommuniziert wird. Natürlich gab es am Anfang sehr viel Neues zu entdecken und herauszufinden (wo bekomme ich welche Lebensmittel). Auf jeden Fall habe ich es bisher kaum geschafft, weiter an meinem Buch zu arbeiten, obwohl es ja schon fast fertig war. Andererseits sehe ich jetzt, dass ich ganz neue Ideen einbringen kann, da ich mit frischem Kopf herangehe. Das ist gut.

Was sich nicht vermindert hat, sondern eher geweitet, ist meine Yogapraxis und -wissen. Du weißt ja, wie traurig ich war, dass ich wegen des Ortswechsels die Ausbildung bei Ralph Otto nicht beginnen konnte. Nun habe ich hier eine Lehrerin gefunden, Carmina Gorráez, die mich als Yogalehrerin im restorativen Yoga ausbildet. Restoratives Yoga unterscheidet sich stark vom Ashtangta Yoga. In manchen Dingen ist es vielleicht das genaue Gegenteil. Beim restorativen Yoga geht es darum, die Haltungsmuskulatur zu stärken und die Wirbelsäule flexibel zu erhalten. Ich lerne viel über Anatomie und die therapeutische Wirkung des Yoga. Die Ausbildung ist von der Yoga Alliance anerkannt und damit international gültig. Carmina ist eine Erscheinung und ich kann mit Worten gar nicht beschreiben, wie viel mir das Lernen mit ihr bedeutet. Eigentlich ist es egal, was du lernst, wenn du nur den richtigen Lehrer hast.

In Mexiko haben wir uns gut eingelebt. Es ist eine andere Welt. Das Beste ist, dass die Sonne so gut wie immer scheint. Das schlechteste ist die miserable Luftqualität, eigentlich in ganz Mexiko. In der Trockenzeit im Winter, wenn es ein halbes Jahr lang nicht regnet und alles staubtrocken ist, habe ich (und viele, die ich kenne) eine Art Raucherhusten. Allein deshalb bin ich froh, dass wir nach drei Jahren wieder zurück nach Deutschland gehen. In vielen Dingen, angefangen bei der Mülltrennung (welche Mülltrennung?), Erziehung, Gleichstellung der Geschlechter etc. liegen die Mexikaner 20-30 Jahre hinter uns. Das ist ermüdend und traurig.

Zweimal im Jahr besuchen wir die Familie in Deutschland und leider schaffen wir es nur begrenzt, in dieser Zeit auch Freunde zu treffen. Wenn du in Mexiko lebst, lernst du Deutschland wirklich zu schätzen. Wir erfreuen uns, bei unseren Heimatbesuchen, an den kleinsten Dingen: In deutschen Drogerie- und Supermärkten einzukaufen, das geregelte Leben, die Ruhe, saubere Luft und dass die Kinder sich frei bewegen können. Hier in Mexiko können sie das nur innerhalb des eingezäunten Compounds (Wohnviertel), in dem wir leben.

Die Montessori Schule hier war leider ein Reinfall und nicht im Entferntesten zu vergleichen mit „unserer“ Montessori Schule in Deutschland. Die Grundideen von Maria Montessori wie Autonomie und Eigenverantwortung der Kinder wurden nicht gelebt und die Kinder haben so gut wie nichts gelernt und sich gelangweilt, so dass sie von sich aus die Schule wechseln wollten. Jetzt sind sie auf einer internationalen Schule, in der Spanisch und Englisch gesprochen wird. Spanisch sprechen beide fließend und Englisch sehr gut, was natürlich toll ist. Die Schule könnte man als Kaderschmiede bezeichnen, die Kinder müssen viel leisten und ich wünschte mir manchmal weniger Strenge, mehr Offenheit und mit Noten und Hausaufgaben kann ich sowieso nicht viel anfangen. Aber man kann nicht alles haben. Toll ist das große Kurs- und Sportangebot, Theater, Musik, Kunst. Da die Schule sehr teuer ist, kannst Du dir das Publikum vielleicht ungefähr vorstellen. Oder nein, wahrscheinlich kannst du es dir nicht vorstellen. Zu einem Termin morgens in der Schule erscheinen die Mamis in Highheels mit Pelzstola und zum Kindergeburtstag auch. Wenn sie denn persönlich erscheinen. Bestenfalls schicken sie das Kindermädchen oder bringen es zumindest mit, damit die Mama ungestört plaudern kann. Ja, so ist das hier. Die Unterschicht arbeitet für so wenig Geld, dass die Oberschicht (eine Mittelschicht wie in Deutschland gibt es hier nicht) sich nicht die Hände schmutzig machen muss.

Schön ist, dass ich hier in Mexiko gute Freunde gefunden habe. Bezeichnenderweise sind Viele davon ebenfalls Ausländer (Europäer und Amerikaner), die hier leben, auch einige Mexikanerinnen, mit denen zusammen ich die Yogaausbildung mache.

Urlaub machen wir meist am karibischen Meer, was natürlich traumhaft ist. Außerdem hat Mexiko eine beeindruckende Geschichte und viele wunderschöne Kolonialstädte wie Guanajuato oder San Miguel, die nicht weit von hier sind.

Alles in allem geht es uns also gut, wir genießen das Abenteuer Mexiko und erweitern unseren Horizont. Was will man mehr.

Ich drück Dich,

ein Kuss für Deine Lieben

Lina