Alltägliches aus Mexiko

Zicke kommt von Ziege

Die typisch mexikanische Oberschichtsfrau* ist eine ausgemachte Zicke. Wie ich zu solch einer anmaßenden Behauptung komme? Nun, als Geschichtenschreiber bin ich zuallererst einmal Leute-Beobachter, das ist Voraussetzung, um etwas erzählen zu können. Für mich zumindest.

Seit knapp acht Monaten leben wir hier im mexikanischen Hochland, in einem Kaff namens Irapuato, unweit einiger beeindruckender Kolonialstädte wie Querétaro und Guanajuato. In dieser Zeit haben wir viel erlebt und da ich des Spanischen einigermaßen Herr(in) bin, muss ich mich nicht damit begnügen, nur mit anderen Deutschen abzuhängen. Auch wenn wir nur für ein paar Jahre bleiben, kann es nicht schaden, sich für das Land und die Leute zu interessieren, in dem man zu Gast ist. Das mag ironisch und vielleicht etwas bissig klingen, ist auch so gemeint. Ich bin nämlich auch ganz gut im Zicken.

Wenn ich von Zicke spreche, mag jeder wissen, was gemeint ist, trotzdem möchte ich ein bisschen tiefer in die Definition einsteigen. Zicke kommt von Ziege, ist also eine Tiermetapher, die abwertend gemeint und feminin ist, sich also in der Regel gegen Frauen richtet. Manche Frauen mögen es durchaus als positiv empfinden, so bezeichnet zu werden, da sie sich auf die Art von anderen abgrenzen. Und um Abgrenzung geht es beim Zickentum. Die Zicke nimmt eine ablehnende Haltung an, die Beweggründe, die dahinter stecken sind mannigfaltig und letztlich muss jede Zicke das mit sich selbst ausmachen. Bei Manchen mag der Hormonhaushalt eine Rolle spielen, das Wetter oder einfach die Tagesform. Das sind alles Trigger, die jede von uns schon mal hatte und das Gute ist, dass sie sich wieder auflösen und am nächsten Tag, wenn man besser geschlafen hat, weitest gehend verschwunden sein sollten. Ist das nicht der Fall und die Zicken-Attribute bleiben über einen längeren Zeitraum bestehen, herrscht Alarmstufe Rot. Eine dauerhafte Zicke ist jemand, der nicht über sich selbst lachen kann, um alle zickentauglichen Wesenszüge (kratzbürstig, verbissen, überspannt, kaltschnäuzig, …) auf einen Nenner zu bringen.

Nun zu der Erklärung, warum ich der mexikanischen Oberschichtsfrau* – ich mag keine Pauschalisierungen, deshalb gibt es ganz klar auch Ausnahmen – diese nicht allzu attraktiven Charakterzüge zuordne: Ihr fehlt die Erdung. Das zeigt sich schon rein äußerlich, an der Höhe der Absätze. Hier wäre die Bezeichnung Tussi vielleicht treffender, da man eine Tussi eher an Äußerlichkeiten festmacht. Die Mexikanerin an sich kreuzt zu jeder schnöden Schulveranstaltung in High Heels auf, die die deutsche, turnschuhaffine Durchschnittsfrau nicht mal zu ihrer eigenen Hochzeit den Mut hätte zu tragen. Zur Verteidigung der Mexikanerinnen muss ich hinzufügen, dass weder Körpergröße noch Körperfülle (ich sage nur: höchster Softdrink-Konsum weltweit) den Idealmaßen entsprechen. Im Dezember, als alle Eltern über den löchrigen Asphalt zum Krippenspiel wankten, hat sich eine Mexikanerin mit ihren zehn Zentimeter Hacken tatsächlich den Knöchel gebrochen. Kein Wunder. Auf mexikanischen Straßen besteht selbst in flachen Ballerinas allerhöchste Verletzungsgefahr. Darüber hinaus muss man aufpassen, dass man nicht in ein ungesichertes Loch fällt und dort vergessen wird.

Neben den High Heels als Grund für die fehlende Bodenhaftung, möchte ich, als Hobby-Psychologin, folgende Hypothese hinzufügen: Wer sein Leben lang nie einen Putzlappen in die Hand genommen hat oder dafür gesorgt, dass die Blumen im Garten während der Trockenzeit nicht eingehen, dem fehlt jegliche Erdung. So erklärt sich auch, wieso die typisch mexikanische Frau der Oberschicht* diese einschüchternd langen Fingernägel kultiviert. Akkurat gefeilt und professionell lackiert, versteht sich.

Aufgrund der großen sozialen Unterschiede, die hier herrschen, muss sich niemand, der das nötige Kleingeld besitzt – und Kleingeld ist hier wortwörtlich gemeint – die Hände schmutzig machen. Es wäre eine miese Lüge, zu behaupten, ich würde das nicht wertschätzen. Für alle erdenklichen Arbeiten des täglichen Lebens gibt es Leute, die das für einen übernehmen. Das fängt beim Einpacken der Ware an der Kasse im Supermarkt an und hört beim Parkplatzwächter, der einen im Supermarkt aus der Parklücke winkt, nicht auf. Diese Menschen, die für sehr niedrige Löhne arbeiten, haben keine oder so gut wie keine Schulbildung und keine andere Chance, als sich mit Hilfsarbeiten über Wasser zu halten. Leider gibt es davon sehr viele in Mexiko. Autowaschen komplett innen und außen kostet umgerechnet 4 Euro. Dafür arbeitet eine ganze Familie eine Stunde lang. Meine Muchacha, die 4-5 Stunden das Haus putzt, bekommt umgerechnet 15 Euro. Und damit liege ich bereits ein Drittel über dem marktüblichen Preis. Das Nachrichtenportal amerika21.de schreibt in einem Bericht, dass soziale Organisationen davon ausgehen, dass 35% der Bevölkerung von einem niedrigen Bildungsniveau beeinträchtigt sind. Laut neuester OECD-Studien leben 45% der mexikanischen Bevölkerung in Armut. Dabei klafft eine große Lücke zwischen dem reichsten und dem ärmsten Teil der Bevölkerung – die obersten 20% der Bevölkerung verdienen fast vierzehnmal so viel wie die untersten 20%.

 

 

*Eine Mittelschicht gibt es hier nicht wirklich. Beziehungsweise ist diese, auch aufgrund der geringen Mindestlöhne, die hier herrschen, permanent von Armut bedroht. Die hiesige Oberschicht ist vergleichbar mit der deutschen Mittelschicht. Während diese in Deutschland ca.  60-80% der Bevölkerung umfasst, beschränkt sich die mexikanische Oberschicht gerade mal auf 10-20%.