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Der Jonas-Komplex

Es gab mal eine Phase, da habe ich alles, was Thomas Glavinic geschrieben hat  inhaliert, in tiefen Atemzügen eingesogen, bin süchtig geworden nach seinem Buchstabenstoff. Berauscht von der Droge Glavinic, womit wir auch schon in der Welt des Jonas-Komplex angekommen sind, in der des Wiener Autors, ich-Erzähler, einer von drei Protagonisten seines neuen Romans. Der Leser darf die drei ein Jahr lang begleiten. 2015.

Kritiker meinen zu wissen, dass es sich bei dem Wiener Autor um den echten Thomas Glavinic handelt, ich wage das zu bezweifeln. Dieses Vexier-Spiel mit den Identitäten spielt Thomas Glavinic schon zu lange und da er zweifellos ein schlauer Kopf ist, spielt er es mit Bravour – man sollte ihn nicht unterschätzen. In „Das bin doch ich“ feixt er sogar im Titel damit und nennt seine Figur Thomas Glavinic.

„Wer wir sind, wissen wir nicht. Beim letzten Durchzählen kam ich auf mindestens drei Personen, die jeder von uns ist. Erstens die, die er ist, zweitens die, die er zu sein glaubt, und drittens die, für die ihn die anderen halten wollen. Als ich aufwache, geht es mir so elend, dass ich mit keinem der drei etwas zu tun haben will“, heißen die ersten Sätze des Romans. Thomas Glavinic genießt es geradezu, den Leser an der Nase herum zu führen, ihn im Kreis zu drehen, um ihn danach völlig durcheinander, verzweifelt und ganz alleine mit der Frage dastehen zu lassen, ob der echte Thomas Glavinic es tatsächlich derart bunt treibt in seinem Leben. Mit all den Frauen, dem zügel- und wahllosen Sexualgebaren, das einem nicht minder hemmungslosen Konsum von Alkohol und Kokain geschuldet ist. Mir persönlich war das zu viel Koks und Sex und Vernichtung von Körper und Seele auf einmal, zumindest am Anfang, im Laufe des Romans habe ich mich daran gewöhnt, was auch irgendwie erschreckend ist. Das Beste an ihm ist die bedingungslose Liebe zu seinem Kind, das nur Kind heißt und damit in seiner Identität schützenswert ist. Eine Aussage, die ich in Zeiten von Facebook und Co. unbedingt unterschreibe.

Die zweite Figur des Romans, auch in der ich-Form erzählt, ist ein Jugendlicher, der in der Weststeiermark lebt. Ich möchte nicht vorgreifen, aber er und der Wiener Autor haben einige Gemeinsamkeiten, zum Beispiel das Schachspiel. Der Junge, hochbegabt und im örtlichen Schachclub der Beste seines Alters, flüchtet so aus der Wirklichkeit. Die Frau, bei der er lebt, Uriella nennt er sie, hat genug Probleme mit sich selbst und dem Alkohol und dass sie ihn befummelt ist widerwärtig. Der Junge lebt mit dreizehn nahezu autark. Was ihn aufrecht hält, ist neben dem Schach und den vielen Büchern, die er verschlingt, der feste Glaube daran, Suux, seine Oma, bei der er aufwuchs, bis sie starb, nach dem Tod wieder zu sehn. Diese Trostlosigkeit seines Daseins hat mich am Anfang des Romans so sehr mitgenommen, dass ich die Passagen überspringen musste.

Fehlt noch Jonas. Jonas aus „Das größere Wunder“, der Vorgänger des Jonas-Komplex und mein persönliches Highlight aus der Glavinic-Klaviatur. Jonas hat zwei starke Seiten, die so unterschiedlich und aussagekräftig sind, dass sie die Komplexität und Ambivalenz der Figur gänzlich ausloten und sie damit interessant machen, ungewöhnlich und ganz eigen. Es geht ums Suchen und Finden. Gefunden hat er Marie, Liebe seines Lebens. Auf der Suche ist er nach sich selbst. Das war schon in „das größere Wunder“ so. Hier bestieg er den Himalaya und kam dabei fast zu Tode. In „Der Jonas-Komplex“ lässt er sich- aufgewachsen bei seinem Ziehvater Picco, einer Art Mafiosi, der Jonas großen Reichtum vererbt hat – von seinem Anwalt Tanaka betäuben und an die entlegensten Orte der Welt verschleppen, um aus eigener Kraft wieder zurück zu finden. Darüber hinaus möchte Marie mit ihm zum Südpol wandern, wogegen Jonas sich bis zuletzt zur Wehr setzt.

Was die drei Figuren verbindet? Bei allen geht es um die Suche nach dem Selbst. Wer bin ich, wo komme ich her und wo will ich hin. Die großen Fragen des Lebens eben. Dazu passt auch der Titel. In der Psychologie bedeutet der Jonas-Komplex die Angst vor der eigenen Größe und die Flucht vor der eigenen Berufung. Thomas Glavinic dürfte beides überwunden haben.