Yoga im Alltag

Tala Yoga oder die Kunst des Atmens

Kürzlich habe ich einen Workshop von Andreas Loh besucht. Er ist studierter Schlagzeuger und Pianist, komponiert Klaviermusik und präsentiert diese in Solo-Konzerten. Seine Krebserkrankung 2008 löste einen Umdenkprozess aus, er erkannte die Heilsamkeit von Yoga mit Musik.

Ein Wochenende lang haben wir gemeinsam Tala Yoga praktiziert. Talas (stammt aus dem Sanskrit und bedeutet Rhythmus) sind von Andreas Loh komponierte Musik-Sequenzen für die Yoga-Praxis. Die ebenmäßigen Klavier-Abfolgen tragen dich durch die Asanas (Übungen), du schwebst auf einem Wolkenteppich aus Musik. Klingt der hohe Ton, atmest du ein, der Tiefe führt dich in die Ausatmung. So lernst du, gleichmäßig zu atmen, bleibst sozusagen im Takt, als würdest du mit einem Metronom üben, nur dass die Talas darüber hinaus zwar gleichförmig, doch ebenso anschmiegsam sind und warm. Nicht zu vergleichen mit dem technisch-kalten Tick-Tack, das ein Metronom dir vorzählt.

Dass das Ein- und Ausatmen die identische Länge hat ist eine nicht zu unterschätzende Aufgabe. Wenn du, im Ashtanga-Yoga, eine kleine Bewegung ausführst, zum Beispiel von Uttanasana A, der Vorwärtsbeuge in Uttanasana B, die intensive Streckung des Rumpfes, kannst du dir Zeit nehmen. Wenn du hingegen von Virabhadrasana A, der Heldenposition in Chaturanga Dandasana, die Stab-Position gleitest, muss das Tempo beschleunigt werden, um im Rhythmus der Talas zu bleiben. Die zweite Herausforderung besteht darin, unabhängig vom Schwierigkeitsgrad der Asana, den Atem gleichförmig fließen zu lassen. Nicht zu flach und auch nicht gierig innerhalb der ersten eineinhalb Sekunden die Luft durch die Nase einzusaugen, um für die verbleibenden zwei Sekunden vergeblich zu versuchen, weitere Luft in die Lunge hinein zu pressen, begleitet von dem unguten Gefühl, sie sei längst voll. Obwohl ich seit zehn Jahren Yoga übe, war ich überrascht, wie ungleichmäßig mein Atem bisher gewesen sein muss.

Andreas hat die Talas in einer Spanne von 3,3 bis 3,75 Sekunden pro Ein- beziehungsweise Ausatmung angelegt. Marginale Nuancen, die beim Üben erstaunlich viel ausmachen,  jeder Yogi darf nach seinem Gusto atmen. Der Grundrhythmus der Talas entspricht 51-57 beats per minute. Das ist die ideale Pulsfrequenz, da sie den Ruhepuls des Herzschlags spiegelt. Dieser Puls lässt im Gehirn Theta-Wellen entstehen. Diese begünstigen Entspannung und Kreativität und bilden die Grundlage von Meditation.

Die Atmung im Takt der Klänge lenkt den Focus auf den Atem. Dadurch wird die Essenz des Yoga herausgekitzelt, du lässt los, bringst deinen unruhigen Geist zur Ruhe, gibst dich dem Moment hin. Mag sein, dass dieses „Hilfsmittel“ für unglaublich fortgeschrittene Yogis, die, in sich ruhend, im Einklang mit sich und der Welt und geistig losgelöst sind, nicht notwendig ist. Aber, hey, wer kann das schon von sich behaupten. Die Talas sind wie geschaffen dafür, den Tanz des Körpers mit dem Atem zu untermalen. Die tiefe, ruhige und gleichmäßige Atmung wird nach dem Praktizieren in den Alltag mitgenommen, sie macht dich insgesamt ausgeglichener und wacher für den Moment. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass kraftvolles Atmen – bis in die Lungenspitzen hinein – Selbstheilungskräfte aktiviert und dich länger und gesünder leben lässt.

Wer oder was hat Andreas Loh dazu inspiriert, die Talas zu komponieren? Er erzählte uns, dass er vor vielen Jahren in Indien einen Workshop von K. Patthabi Jois, Schüler von Krishnamacharya, Gründer des Ashtanga-Yoga, besucht hat. Auf die Frage, wie lang die Atmung sein soll, hat Jois geantwortet: „ten seconds inhale, ten seconds exhale“. Diese Aussage hat Andreas den Impuls gegeben, genauer darüber nachzudenken, was die ideale Atmung ausmacht. Danke, Andreas Loh für den wunderbaren Workshop und dafür, dass die Talas meine Yogapraxis vertiefen.

Voriger Beitrag Nächster Beitrag

Sie konnten auch mögen