Yoga im Alltag

Gedanken sind wie Fische

… sie kommen plötzlich angeschwommen, schauen dich an und schwimmen weiter. So der Optimalfall. Wenn sie bleiben, dich quälen und triezen, dich umzingeln und nicht mehr loslassen, läuft etwas falsch. Im Yoga wird an den Menschen als bewusstes Wesen appelliert, nicht an den Geist. Wobei denken an sich gar nicht das Problem ist, sondern die Art und Weise, wie ich dieses Denken nutze. Durch Erziehung, Bildung, Religion und Umfeld bin ich konditioniert, voreingenommen, also nicht frei von Bewertungen. Die Wirklichkeit wird durch Projektionen verhüllt. Dabei ist der Raum des Geistes so groß wie meine Vorstellungskraft, also unendlich, wenn ich ein fantasievoller Mensch bin. Dazu eine kleine Anekdote: Die Geschichte vom Mann, der das erste Mal in den Dschungel kommt. Der Mann wird von seinem Dschungelführer instruiert, wie er mit einer giftigen Schlange umzugehen hat. Der Dschungelführer nimmt seine Aufgabe sehr ernst und zeigt dem Mann jedes Detail. Wo er der Viper aufzulauern, wie er sie zu packen und mit welchen Handgriffen er sie zu töten hat. Der Mann passt genau auf. Als es dunkel wird und sie sich ein Lager aufgeschlagen haben, kann der Mann nicht schlafen, da er die ganze Zeit an die unzähligen Giftschlangen denken muss, die im Dschungel umherkreuchen. So läuft er durch die Nacht, auf der Suche nach dem vermeintlich bösen Reptil, das nichts dringlicher will, als ihn zu beißen. Schließlich wird er fündig. Eine hochgefährliche Braunschlange, deren Gift einen Menschen binnen fünfzehn Minuten töten kann. Er packt sie, wie es ihm der Dschungelführer beigebracht hat, und schneidet ihren Körper mit einem gekonnten Messerhieb entzwei. Es braucht einige Minuten, bis er wieder zu sich kommt, das Adrenalin hat seinen Puls hochgejagt. Naja, ihr wisst, was jetzt kommt? Die Schlange war gar keine, sondern ein profanes, braunes Seil. Der Mann hat sich derart in seine Angst hineingesteigert, sie auf etwas projiziert, das alleine von seinem Geist erschaffen wurde. Im Yoga geht es nun darum, sich von diesen Täuschungen zu befreien oder sie im ersten Schritt überhaupt wahrzunehmen.

Jagat ist Sanskrit und bedeutet „die Welt“. Ja heißt „kommt“ und gat heißt „geht“. Alles kommt, hat eine Zeit lang Bestand und geht, wie der Atem. Diese Annahme finde ich ungeheuer beruhigend und tröstend, vor allem wenn es sich um den unschönen Pickel am Kinn handelt, oder um meine schlechte Laune heute. Doch mache ich mir das leider viel zu selten bewusst, sondern kralle mich fest an Dingen, an Freude, an  Leid, lasse sie zu etwas Statischem werden und gebe ihnen dadurch einen Raum, der ihnen gar nicht zusteht. „Die Ursache für eine Identifikation mit dem Wandelbaren ist mangelnde Erkenntnisfähigkeit (Avidya)“, sagt Patanjali im Yoga-Sutra, Kapitel 2.24. Ich involviere und identifiziere mich mit Dingen oder Situationen, so dass ich den wachen Blick des neutralen Beobachters verliere und, um mal ein altes deutsches Sprichwort zu verwenden, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehe.  So entsteht Leid. In Indien nennt man das Samsara (=Lebenskampf).

Die bewusste Wahrnehmung dessen ist der erste Schritt in die richtige Richtung und in Verbindung mit der Yoga-Praxis kann ich in einen Zustand gelangen, der mich ruhiger werden lässt, gelassener, leidenschaftsloser und gleichmütiger, mit weniger Wertungen für die Welt, die mich umgibt. Denn: Es gibt nichts in der Welt, das mich dauerhaft glücklich oder unglücklich macht.

In diesem Sinne,

namasté

Eure Lina

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