Bücher lesen

Ein wandelnder Schöngeist, gefangen im Wahnsinn des Alltäglichen

Karl Ove Knausgard: Lieben

„Schatz, ich leg mich mit Karl Ove hin“. Diesen Satz lasse ich in letzter Zeit häufig verlauten. Als er das erste Mal über meine Lippen kam, starrte mein Mann mich verständnislos an und erwiderte: „Hast du ein neues Kuscheltier, von dem ich nichts weiß?“ „Ja, so ähnlich“, lächelte ich in mich hinein, schnappte mir meinen E-Reader und verschwand unter den Daunen. Als sich mein Süßer drei Stunden später zu mir legte, leuchtete mein E-Reader immer noch und dank der dezenten Lichtquelle, mit der das elektronische Lesegerät die Seiten aus dem Dunkeln hervorhebt, konnte und kann ich meinem Lesevergnügen bis tief in die Nacht hinein frönen. Das hat nicht nur Vorteile, vor allem dann nicht, wenn pünktlich um sieben der Wecker klingelt.

„Lieben“ ist das zweite autobiografische Mammutwerk unter Fünfen, die in Norwegen alle unter dem Namen „Min kamp“, zu deutsch „Mein Kampf“ erschienen sind. Im Deutschen gibt es keinen übergeordneten Namen für die Reihe, sondern jeder Band hat einen eigenen Titel: „Sterben“, „Lieben“, „Leben“, „Träumen“, „Spielen“.

„Lieben“ ist das Einzige in der Reihe, das ich bisher gelesen habe, beziehungsweise bin ich noch nicht ganz durch mit den siebenhundertachtundsechzig Seiten, folglich stehen mir noch einige kuschelige Abende mit Karl Ove bevor und ich müsste lügen, wenn ich nicht zugäbe, dass er mir den bösen Winter gehörig versüßt und mein Gute-Laune-Level, sagen wir um mindestens zehn, wenn nicht sogar fünfzehn Prozentpunkte anhebt. Danke dafür, Karl Ove Knausgard!

Obgleich der Ursprungstitel „Min kamp“, wegen der Belegung durch Adolf Hitlers Gruselwerk, im Deutschen gar nicht geht, finde ich ihn sehr treffend. Karl Ove Knausgard stellt das Leben an sich als Kampf dar, er empfindet es so. Lauter kleine und große Gefechte, die es auszutragen gilt und am Schwersten fallen ihm die, die etwas mit anderen Menschen zu tun haben. Karl Ove ist scheu, die Auseinandersetzung mit den meisten Leuten behagt ihm nicht, was wohl daran liegen mag, dass er nicht gerne redet. „Konversation gehört zu den zahllosen Dingen, die ich nicht beherrsche“, sagt er. Am Wohlsten fühlt er sich, wenn er schreibt oder liest. Und unter Geselligkeit versteht er nicht selten, sich gemeinsam mit alten Bekannten, volllaufen zu lassen bis zur Besinnungslosigkeit.

Der Einzige der ihn wirklich gut zu kennen scheint und den er, gerade bei Beziehungsproblemen mit seiner großen Liebe Linda, immer wieder um Rat fragt, ist Geir, ein Freund aus Studienzeiten in Bergen, auch ein Norweger wie Karl Ove, allein oder vielmehr zu zweit unter Schweden in Stockholm. Vielleicht kommt daher auch die enge Beziehung, die die beiden haben, vielleicht hat das etwas mit Mentalitätsunterschieden zu tun. Nicht umsonst scheint das eines von Geirs Lieblingsthemen zu sein, die Gegensätzlichkeit zwischen Norwegen und Schweden und laut Geir muss diese verheerend sein: „Stockholm ist eine schöne Stadt. Aber kalt wie Eis. Du kannst dein ganzes Leben hier verbringen, ohne zu irgendwem wirklich Kontakt zu bekommen. Alles ist darauf angelegt, dass man sich nicht berührt.“ Mit dieser Erkenntnis wird Karl Ove von Geir begrüßt, als er gerade in Stockholm angekommen ist. Sein bisheriges Leben in Bergen, samt seiner Ehefrau, hat er hinter sich gelassen, um in Stockholm einen Neuanfang zu starten.

Als er dort Linda begegnet, die ihm Jahre zuvor, bei einem gemeinsamen Literaturseminar einen Korb verpasst hat, setzt er alles daran, ihr Herz doch noch zu erobern. Er schreibt ihr einen Brief. Darin fasst er in Worte, was sie für ihn bedeutet, was er in ihr sieht. Der Brief schafft es nicht in die Post, dafür schafft Karl Ove es, Linda das Liebesgeständnis persönlich vorzutragen. „Kein Mensch hat mir jemals etwas so Schönes gesagt“, ist ihre Reaktion. Sie küsst ihn, er fällt in Ohnmacht. Seitdem sind sie ein Paar.

Als Leser kann man gut nachvollziehen, wieso Linda sich in ihn verliebt. So, wie er sich selbst beschreibt, ist er ein guter Typ. Einer, dem man von Grund auf vertrauen kann. Er ist liebevoll, fürsorglich und er stellt sich dem Leben und der Liebe und dem ganzen Irrsinn, der mit dem Vater werden und dem Vater sein zusammen hängt, auch wenn alles von ihm abverlangt wird, insbesondere auf emotionaler Ebene. Als wandelnder Schöngeist, Denker und Philosoph, gefangen im Wahnsinn des Alltäglichen, kämpft er sich durch. Er ist unglaublich belesen und intellektuell. Und an diesem Wissen lässt er uns, über lange essayistische Abschnitte hinweg, auch teilhaben.

Die Sprache, derer Knausgard sich bedient, ist schlicht, klar und hat einen sanften Klang. Viele lange Sätze fließen dahin, wie ein ruhiger Fluss. Er selektiert nicht, was wichtig ist und was nicht. So wird die hundertste Zigarette auf dem Balkon geraucht, vorher nicht vergessen, die Jacke anzuziehen und die Schuhe. Diese detailgenauen Beschreibungen machen es einem leicht, das Kopfkino in diesem Strom einfach mitlaufen zu lassen. Struktur und zeitliche Abfolge erscheinen wahllos. Immer wieder werden seitenlange Rückblenden eingeschoben. Und wenn man, nach unzähligen Seiten, wieder dort angelangt, wo man vorher war, findet man sich sofort zurecht.

Ist das nicht unfair, eigentlich? Andere Autoren (wie ich) müssen sich, unter größter Anstrengung, komplexe Charaktere ausdenken, fesselnde Geschichten, lustige Anekdoten, um die Leser bei Laune zu halten und Karl Ove muss einfach nur von sich selbst erzählen. Sein schlichtes Leben ist spannender, als jeder Roman, vielleicht gerade auch deshalb, weil es echt ist. Dieses Echte hat für mich aber nichts zu tun mit den Geissens oder Daniela Katzenberger oder wie die Reality-TV-Stars so alle heißen. Dafür ist Karl Ove Knausgard viel zu reflektiert und ich bewundere den Mut, den er aufbringt, derart offen und ehrlich zu sein und bin erstaunt, mit welchem „Abstand zu sich selbst“ er in der Lage ist, sein eigenes Verhalten und seine Gefühle einzuordnen, sich quasi selbst zu entlarven und das auch noch preiszugeben. Obwohl er so menschenscheu ist oder gerade deshalb, scheint er sich irrsinnig gut auszukennen mit den Menschen. Nicht nur wie er sich selbst beschreibt, auch die Eindrücke, die er von anderen hat, und seien es nur flüchtige Bekannte auf einer Geburtstagsfeier, machen ihn für mich zu einem großen Menschenkenner und Literaten.

Nachdem ich meinem Mann von Karl Ove Knausgard und seinem radikalen Selbstenthüllungsprojekt erzählt hatte, bei dem er nicht nur sich selbst, sondern auch seine gesamte Familie bloßstellt, fragte er mich: „Und was sagt seine Frau dazu?“ „Sie hat geweint und gesagt, dass ihr gemeinsames Leben nie wieder romantisch sein kann“, habe ich geantwortet. „Aber sie hat ihn gewähren lassen.“

Voriger Beitrag Nächster Beitrag

Sie konnten auch mögen