Yoga im Alltag

Ashtanga–Yoga, what?

Häufig werde ich von Familie oder Freunden gefragt, was genau dieses Ashtanga-Yoga eigentlich sei, das ich mit solch großer Begeisterung betreibe und wo genau der Unterschied liege, zu herkömmlicher Gymnastik.

Da ich seit Jahren kein Fleisch esse, bin ich es gewohnt, mich erklären zu müssen. Beziehungsweise fangen die Leute an, sich ohne Not bei mir zu rechtfertigen, weshalb sie denn Fleisch äßen. Dass sie das ohnehin nur an Sonntagen täten und dass es überdies sehr viel gesünder sei, ab und zu ein klein wenig Fleisch zu sich zu nehmen. Mir ist das Wurst, das muss jeder für sich entscheiden. Toleranz, übrigens auch beim Yoga eines der großen Themen.

Obwohl Yoga inzwischen gesellschaftsfähig ist, von den Krankenkassen gefördert und von der Industrie als Massenmarkt und Mega-Trend tituliert wird, ist für so Manchen der vermeintliche Esoterik-Touch im Weg. Heimlich schielend in Richtung meiner Achselhöhlen („die wird sich ja hoffentlich noch rasieren“) wird hinterfragt, ob das gar etwas mit bunten Gewändern, Räucherstäbchen und Krishna-Gesängen zu tun habe. Ich sage dann immer: „Nee, nee, du, Ashtanga-Yoga ist das Yoga der Hollywood-Stars, du weißt schon, das Yoga, das Madonna macht. Dabei spanne ich demonstrativ meinen Bizeps an.

Gesungen wird beim Yoga trotzdem. Zu Beginn jeder Stunde chanten wir gemeinsam das Ashtanga-Mantra. Damit gedenken wir der Yoga-Tradition und erinnern uns daran, worum es beim Yoga geht: um das Erkennen des eigenen Selbst, Samadhi, die höchste Erkenntnis, das letzte Blatt der achtblättrigen Blüte des Yoga. Die ersten beiden Blätter beziehen sich auf das alltägliche Verhalten, mir selbst und anderen gegenüber. Die mittleren vier Blätter werden allesamt in der Ashtanga-Yoga-Praxis vereint: Physisch, energetisch, emotional und mental. Die letzten beiden Blätter ergeben sich aus den Vorherigen.

Philosophisch fußt dies auf dem Yoga-Sutra des Patanjali, ein zweitausend Jahre alter indischer Leitfaden. In der Folge dieser Tradition wird Ashantanga-Yoga auch als Tanz des Atems mit der Bewegung bezeichnet. Oder, und diese Metapher finde ich ganz bezaubernd: Yoga ist ein mit Körper und Atem ausgedrückter Gesang, der den Rhythmus der Welt widerspiegelt. Der Ujjai-Atem ist dabei ein hörbar rauschender Atemfluss, der die Bewegung trägt, und die Übenden durch sie hindurch führt. Durch die gleichbleibende Abfolge der Asanas und die Konzentration auf den Atem, entsteht eine fließende Dynamik, die die Gedanken des Geistes zur Ruhe bringt.

Sri Krishnamacharya begründete 1924 in Mysore, Indien das dynamische Übungssystem des Ashtanga-Yoga. Dieser weise Mann, der im Alter von einhundertundeins Jahren starb, konnte sein Herz eigenmächtig zum Stillstand bringen, womit er europäische Wissenschaftler von der Wirkung des Yoga überzeugte. Pattabhi Jois, sein langjähriger Schüler, führte die Tradition des Ashtanga-Yoga fort und sie verbreitete sich, um 1975 herum, nach und nach in den Westen. Jois‘ Enkel R. Sharath leitet mittlerweile das Shri K. Pattabhi Jois Ashtanga Yoga Institute in Mysore. Ashtanga-Yoga gehört zu den meist verbreiteten Yoga-Traditionen weltweit. Da die Abfolge der Asanas die immer gleiche ist, kann man als Ashtanga-Yogi überall in eine Ashtanga-Klasse einsteigen und fühlt sich somit in aller Welt zu Hause.

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